An manchen Tagen war Vater nicht gut gelaunt, das wusste Elf mittlerweile. Er hatte gelernt die kleinen Anzeichen dafür zu deuten. Ein Kräuseln der Stirn etwa, oder ein Hüsteln. Elf war bemüht, es Vater immer recht zu machen. Vater lächelte meistens, wenn Elf etwas besonders gut gemacht hatte. Und Elf mochte es, wenn Vater lächelte, deswegen gab er sich heute besonders Mühe, auch wenn es nicht so richtig zu klappen schien. „Komm schon, mein Kleiner!“, sagte Dr. Ringelbaum und betrachtete aufmerksam die Skalen auf dem Monitor vor sich. „So leicht geben wir nicht auf. Nicht, wenn das Ziel so nahe ist.“ Die Jahre hatten es nicht sonderlich gut gemeint mit Dr. Ringelbaum. Zuerst hatte er die Haare verloren. Er war erst Mitte dreißig gewesen, als die Stirn begann, sich auf seinem Schädel mehr Platz zu verschaffen als ihr eigentlich zustand. Jetzt, Ende vierzig, war er fast kahl. Von dem kurz getrimmten, grauen Haarwuchs, der hinter seinen Ohren begann und sich über, vielleicht noch ein Viertel, seines Hinterkopfes erstreckte, mal abgesehen. „Denk nicht so viel. Davon fallen dir die Haare aus.“, hatte seine Mutter immer zu ihm gesagt. Heute wünschte er sich, er hätte auf sie hören können. Aber das fiel ihm nicht so leicht. Das viele Denken lag einfach in der Natur von Doktor Ringelbaum. Außerdem war der Wissenschaftler vom vielen Sitzen vor seinen Experimenten und dem Betrachten von Monitoren, Skalen und Tabellen ganz krumm geworden. Seine Schultern und Oberarme waren wegen der mangelnden Bewegung ganz dürr. Sein Bauch wegen der schlechten Ernährung im Gegensatz dazu aber kugelrund. Dr. Ringelbaum war nun wahrlich kein schöner Mann. Zumindest kein Mann, den seine Mutter als schön bezeichnet hätte. Vater hüstelte, als Elf den Kaffebecher umstieß. „Macht nichts“, sagte er und wischte mit ein paar fahrigen Bewegungen und einem Stück Küchenrolle die übergeschwappte, braune Soße vom Labortisch. Dann tätschelte er sanft die Hand von Elf. „Das versuchen wir gleich nochmal.“, sagte der Doktor, stellte den Becher wieder gerade hin und goss neuen Kaffee hinein. Elf war nervös. Das war das zweite Mal heute, dass er den Kaffebecher umgestoßen hatte. Aus Erfahrung wusste er, dass er wahrscheinlich nur noch einen Versuch hatte, bevor Vater aufgab, ihn in seine Ecke schob und begann, sich mit einem der anderen Kinder zu beschäftigen. Elf war dann immer langweilig, wenn er so unbeachtet in der Ecke stand. Einmal hatte er begonnen, wild in der Gegend herumzutanzen, als er alleine in der Ecke stand und ihm die Zeit lang wurde. Da hat Vater ihm einfach die Hydraulik gesperrt und Elf musste vier Tage lang bewegungslos verbringen, bevor Vater ihn auf dem Labortisch ausbreitete, völlig zerlegte und neu zusammensetzte. Das war kein schönes Gefühl gewesen. In Einzelteile zerlegt unter der grellen Lampe und Vater ständig mit dem elektrischen Schraubenzieher und dem Lötkolben in seinen Eingeweiden herumbasteln zu spüren. Deswegen blieb Elf jetzt immer artig und regungslos in seiner Ecke, wenn seine Zeit mit Vater abgelaufen war. Er vergönnte seinen Brüdern und Schwestern dann ihre Zeit mit Vater. Seit seiner Lektion. Er kam sich dann besonders erwachsen vor. Dr. Ringelbaum kontrollierte noch einmal den Druck in den Hydraulikzylindern. Alles schien zu passen. Der Wissenschaftler verstand nicht, warum der Versuch nicht klappen wollte. „Der Teufel steckt zumeist im Detail.“, pflegte sein Vater zu sagen, wenn er seinem Sohn die Mathematikschularbeiten zurückgab. Alle anderen hätten mit den gleichen Ergebnissen eine Eins bekommen. Aber nicht der kleine Dr. Ringelbaum. Er hatte den Nachteil, dass sein Mathematiklehrer zugleich auch sein Vater war. „Du bist der Sohn eines Professors für höhere Mathematik.“, pflegte Ringelbaum Senior immer zu sagen. „Für alle anderen mag das reichen. Aber nicht für dich. Von dir erwarte ich mehr.“ Und so bekam Dr. Ringelbaum, zumindest in der Zeit, da sein Vater ihn in der Unter- und Oberstufe des Realgymnasiums unterrichtete, zumeist eine Zwei, hin und wieder auch eine Drei. Mit Ergebnissen, die für jeden seiner Mitschüler eine glatte Eins bedeutet hätten. „Kreativere Lösungen erwünscht.“, stand jedes Mal, mit Rotstift geschrieben, neben der Schularbeitsnote. Oder: „Da wäre noch mehr möglich gewesen.“ „Also.“, sagte der glatzköpfige Wissenschaftler, der dann zur Zeit seines Studiums an der Fakultät für Höhere Technische Systeme, nie etwas anderes als eine Eins auf seine Arbeiten bekam, „Dann wollen wir Mal.“ Und schob seine Brille in eine geeignetere Position. Elf war nervös. Sein letzter Versuch für heute. Vorsichtig streckte er den Greifarm aus und justierte die Zangen um den weißen Keramikhenkel der Tasse und begann damit, sie anzuheben. Einen Zentimeter. Zwei Zentimeter. Schließlich schwebte die Tasse gute fünfzehn Zentimeter über dem Untersetzer, ohne, dass auch nur ein Tropfen verschüttet worden wäre. Elf glaubte, das Leuchten in Vaters Augen bereits erkennen zu können, dass einem Lächeln immer vorausging. Dann verlor eine seiner Zangen den Halt auf der glatten, gebogenen Keramikhalterung und Kaffee ergoss sich erneut über dem spiegelnden, eisernen Labortisch. Dr. Ringelbaum hüstelte und kräuselte die Stirn. „Macht nichts.“, sagte er und fuhr den Roboterarm manuell wieder in seine Ausgangsposition. „Fast.“, wollte Elf schreien, wenn er eine Stimme gehabt hätte. „Fast.“, sagte Dr. Ringelbaum, nahm seine Brille vom Nasenrücken und polierte die Gläser. Er dachte an die Teilnahme am „Unsere Jugend und die Zukunft von Morgen“ Wettbewerb, als er gerade mal vierzehn war. Er hatte ein ehrgeiziges Projekt eingereicht. Einen Staubsauger, der mittels Sensoren wusste, wann seine Dienste erforderlich waren und dann automatisch aus seinem kleinen Verschlag gerollt kam und damit begann, die Wohnung zu säubern. Er kam bis in die Endausscheidung des Wettbewerbs. Er durfte seinen Staubsaugerroboter, so nannte er ihn uninspiriert, vor den Augen der damalig führenden Koryphäen für Chemie, Physik, Computertechnik und Robotik präsentieren. Als es soweit war und er einen halben Kübel Hausstaub, den er vorher wochenlang in mühsamer Kleinarbeit zuhause aufgesammelt hatte, auf das vorbereitete Parkett schüttete, versagte seine Staubsaugerroboter kläglich. Nicht nur kam er nicht von alleine aus seinem Verschlag und musste von dem jungen Dr. Ringelbaum per Fernbedienung herbeigeholt werden, sondern er weigerte sich auch strikt, den ausgeschütteten Staub zu beseitigen. Es muss wohl nicht erwähnt werden, dass dadurch alle Chancen auf den begehrten Preis, der in einem vollfinanzierten Studienplatz am Bostoner MIT und einem, von einem großen Technikkonzern finanzierten, autarken Forschungsplatz in einer der modernsten Einrichtungen bestand, zunichte gemacht wurden. Der enttäuschte Jungwissenschaftler, der sich eigentlich des Preises schon gewiss war und nach Amerika hatte fliegen sehen, zerlegte an jenem Abend nach dem Wettbewerb noch seinen Roboter und fand das Problem schnell: Der Staubsaugerroboter musste in einem der letzten Probeläufe im Hause Ringelbaum unbemerkt einen der obstförmigen Kühlschrankmagneten eingesaugt haben. Einen Apfel. Der Magnet hatte sich an die Innenseite des Roboters geheftet und die Motorik sowie die Sensoranlage empfindlich gestört. Triumphierend, mit dem Apfelmagneten in der Hand, lief der junge Dr. Ringelbaum in die Küche, wo seine Eltern saßen und streckte ihnen den Kühlschrankmagneten entgegen. „Seht ihr!“, rief er. Ich hätte gewonnen. „Fast.“ „Fast zählt nicht, mein Sohn.“, antworteten beide Eltern einstimmig und wandten sich wieder dem Abendessen zu. Elf war traurig. Er hätte es fast geschafft. Er wusste, dass Vater unsagbar stolz sein würde, an dem Tag, an dem er es schaffen würde, die Tasse hochzuheben, zu seinem Kopf zu führen und den Inhalt in die andere Tasse umzuleeren, ohne dabei auch nur einen Tropfen zu verschütten. „Morgen.“, sagte Vater zu ihm. „Morgen ist dein großer Tag. Ich weiß es.“ Das stimmte Elf versöhnlich. Auch wenn er ins Eck gerollt wurde und von dort aus mitansehen musste, wie Elf-Zwo eine Banane schälte, ohne dabei einen Fehler zu machen. Vater fiel Elf –Zwo lachend um den Hals. Elf verspürte einen kurzen Stich, in der Gegend, wo sich ein Herz befinden könnte. Aber er war nur kurz eifersüchtig. Morgen wäre sein großer Tag. Vater hat es versprochen. Dann würde alles wieder gut und Vater wüsste, was er für einen guten Sohn in ihm habe. Er wäre stolz auf ihn. Unsagbar stolz.
rondell (à la faveur de la nuit)
Posted in Uncategorized on August 6, 2011 by Erik R. Andaraich sehe über wipfeln
nageant lumineux
die nacht voran
ich dürste doch
ich trinke nicht
nageant lumineux
die nacht voran
ich dürste doch
ich trinke nicht
unterm flammenbaum
Posted in Uncategorized on August 6, 2011 by Erik R. Andaradie feuer die wir schlugen
die gläser die wir brachen
die tropfen die wir tranken
und unsere zungen
die wir wendeten und aßen
das salz das wir leckten
das du das wir rochen
unverwaschen
und unsere leiber die sich fraßen
wie die tiere
die wir hätten bleiben wollen
bis wir wieder sprachen
die gläser die wir brachen
die tropfen die wir tranken
und unsere zungen
die wir wendeten und aßen
das salz das wir leckten
das du das wir rochen
unverwaschen
und unsere leiber die sich fraßen
wie die tiere
die wir hätten bleiben wollen
bis wir wieder sprachen



